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Der Trierer Tenor Thomas Kiessling sagt, warum die Technik das Entscheidende beim Singen ist – und warum er sich über die Rehabilitierung der Operette freut.

Von Andreas Feichtner

TRIER Mit sechs Jahren wollte er Gärtner werden, kurz darauf Lokomotivführer. „Aber als Achtjähriger war mein Berufswunsch wirklich klar“, erinnert sich Thomas Kiessling: Sänger – das ist es, das muss es sein. Der kindliche Traum von der großen Bühne liegt fast ein halbes Jahrhundert zurück. Kiessling hat ihn längst verwirklicht. Dass das die richtige Entscheidung war, daran hat er keinen Zweifel. Auch wenn er nicht jedem seiner Schüler heute empfehlen würde, alles auf die Karte Musik zu setzen. Man müsse sehr früh anfangen, gut ausgebildet sein, die Konkurrenz sei sehr groß. Und das drückt die Preise.

Für Kiessling liegen die Anfänge im Kinderchor des Stadttheaters, mit 12, 13 Jahren bekam er Privatstunden in Frankfurt, wo er auch an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studierte und später jahrelang lehrte.

Er ist auch familiär vorbelastet. „Ich komme aus einer Musikerfamilie“, sagt der 56-jährige Trierer. Der Großvater war Dirigent, der Vater Organist, sein älterer Bruder ebenfalls Sänger. Auch wenn der musikalisch in anderen musikalischen Welten unterwegs war: Michael Kiessling (Bukowski Waits for Us, Neues Glas aus Alten Scherben) starb Anfang des Jahres. „Wir waren wie Yin und Yang, haben viel bei Familienfeiern gesungen – er hat auch klassischen Gesang bei mir gelernt.“

Thomas Kiesslings Rollen änderten sich über die Jahre: „Die Stimme wird im Alter in der Regel schwerer. Ich bin inzwischen lyrischer Belcanto, es geht in Richtung dramatico“, sagt er. Nach den leichten, lustigen Buffo-Rollen ist er inzwischen im ernsten Fach angekommen. „Man kann die menschliche Stimme mit einer Orgel vergleichen, wo man verschiedene Register ziehen kann – und wenn man die mischt, gibt es mal einen wärmeren und einen kälteren Klang. Das ist das Spannende an der Stimme.“ Und die Individualität. „Ich wollte nie klingen wie ein bestimmer Sänger. Aber es gab natürlich welche, die ich toll fand. Wie Pavarotti, mit seiner Stimmfärbung und grandiosen Technik, oder Fritz Wunderlich.“ Auch Rudolf Schock faszinierte ihn: „Das war das goldene Zeitalter der Operette.“ Die war in der jüngeren Vergangenheit bei vielen verpönt: „Aber die Operette ist langsam wieder im Kommen – und das ist gut so.“

Kiessling konzentriert sich nicht nur auf Klassik. „Wenn man sich mit Musik beschäftigt, sollte man so vielseitig wie möglich hören. Das erweitert den Horizont. So gerne ich etwa Puccini singe, werde ich ihn sicher nicht von morgens bis abends hören. Da höre ich im Auto auch mal Heavy Metal, um die Ohren freizublasen.“ Mit der richtigen Technik könne man zwar so ziemlich alles unfallfrei singen – das müsse aber nicht sein. „Ich mache das, was ich kann. Ich werde sicher nie rappen, höchstens mal im Karneval.“ Aktuell spielt er rund 100 Konzerte im Jahr – das nächste davon am Samstag auf dem Trierer Altstadtfest bei „Pop meets Classic – Frank Rohles and friends“ am Dom. Zudem organisiert Kiessling das große Benefizkonzert „Bravissimo“ mit dem SAP-Sinfonieorchester am 7. Juli im Theater Trier (18 Uhr, zugunsten von nestwärme sowie der Kinder- und Jugendarbeit des Theaters). Das ist zugleich der Saisonabschluss im Theater – und für Kiessling ist das Charity-Konzert mit Kerstin Bauer und ihm als Solisten mit viel Organisationsaufwand verbunden. „Das Schöne ist: wir haben ein breit gefächertes, buntes, aber nicht zielloses Programm – mit Opern, Operetten und neapolitanischen Liedern. Alles wird sich ums Thema Liebe drehen, das ist der rote Faden“, so kündigt er den Abend an.

Zwischen 1998 und 2003 waren es bei ihm auch mal bis zu 300 Konzerte im Jahr – als Kiessling einer der „Jungen Tenöre“ war: „Das war eine tolle Zeit, und wir waren Vorreiter – so als klassische Antwort auf Boygroups.“ Mit Choreographien, CD-Aufnahmen und allem drum und dran.

Musik ist für Kiessling „Seele, pure Emotion“. „Aber die Grundvoraussetzung ist die Technik, die muss behutsam beigebracht werden“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Es ist wie mit dem Fahrradfahren: Man braucht ein Fahrrad, an dem alles dran ist. Aber es bringt nichts, sich gleich für 3500 Euro ein Rennrad zu kaufen und dann zu glauben, man könnte bei der Tour de France mitfahren. Man muss erst mal das Fahren lernen. Da fällt man auch mal auf die Schnauze oder verschaltet sich mal. Und wenn man es gelernt hat, ist es ein Automatismus, dann ist es immer abrufbar. Das ist beim Singen nicht viel anders. Nur, dass man sich mit einem guten Lehrer nie verletzen wird.“

Info: TV-Serie zum Thema Singen


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