Chor und Gesang
Der gute alte Männergesangsverein hat es heute schwer. Dafür gibt es immer mehr Pop-, Jazz- und Gospelchöre. Und wer das Chorsingen professionell lernen will, für den gibt es sogar eine Akademie.

Unter der Dusche singen viele. Aber im Chor singen - ist das noch im Trend? Die Zahl der Sänger nimmt leicht ab, es gibt allerdings die Tendenz zu mehr und zu kleineren Chören, berichtet der Deutsche Musikrat in Bonn.

Rund 2,2 Millionen Sänger in etwa 60 000 Chören zählte er Anfang 2014, der jüngsten Erhebung. Zwei Drittel machten in weltlichen Chören mit, ein Drittel sang in Kirchenchören. Der Deutsche Chorverband macht ein Chorsterben bei bestimmten Formen wie dem traditionellen Männergesangsverein aus - dafür kommen Pop-, Jazz- und Gospelchöre neu hinzu. Und Nachwuchssorgen gibt es bisher nicht.

«Wir haben in Deutschland nicht zu wenig junge Leute, die gerne in einen Chor gehen würden - ganz im Gegenteil», sagt der Präsident des Deutschen Chorverbands, der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD).

Die Zahlen belegen das steigende Interesse junger Sänger: Anfang 2012 registrierte der Deutsche Musikrat knapp 309 000 Kinder und Jugendliche in Chören, zwei Jahre später waren es rund 379 000. «Was aber fehlt, sind qualifizierte Chorleiterinnen und Chorleiter, dieses Potenzial zu aktivieren», sagt Scherf. Deshalb investiere der Verband vor allem in die Ausbildung der Chorleiter.

Wer gern in einem Chor mitmachen möchte und (Semi-)Profi werden will, für den gibt es in Deutschland ein nach Angaben der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz einzigartiges Angebot: die Chorakademie am Collegium musicum.

«Wir bieten eine Zusatzqualifikation an im Bereich Chorsingen, damit die Studierenden, die Spaß am Singen haben, das ein Stück weit perfektionieren können», sagt Leiter Felix Koch. Die Ausbildung dauert vier bis sechs Semester - zusätzlich zu einem anderen Studium. Die Akademie hat 30 bis 35 Plätze.

Allerdings geht es nicht um einen neuen Placido Domingo oder eine neue Cecilia Bartoli: «Wir bilden hier keine Opernsolisten aus, wir bilden Chorsolisten aus», sagt Koch. Das Ziel ist, tragende Stimmen in einem Chor zu haben. Die Ausbildung umfasse eine Stunde pro Woche Einzel-Gesangsunterricht, separate Stimmbildung sowie Grundkenntnisse in Musiktheorie und Gehörbildung an einem Vormittag in der Woche. Gesungen wird nicht nur im großen Uni-Chor, sondern auch in einer Chorschola, einem Übungschor. Zum Ende eines Semesters kommt ein Auftritt bei der «Open Stage», wo Beiträge vorgesungen werden.

Die Chorakademie hat schon Solisten hervorgebracht: Bariton Christian Wagner, Altistin Rebekka Stolz oder Bassbariton Florian Küppers, der am Staatstheater Mainz singt.

Für Nachwuchs ist also gesorgt - ob nur aus Spaß am Singen oder als (semi-)professionelles Chormitglied. Wer heute in einen Chor geht, singt andere Lieder als die Generation der Eltern. «Der klassische Männergesangverein mit traditionellem Liedgut wird es da natürlich schwer haben, Nachwuchs zu bekommen», sagt Verbandspräsident Scherf. «Aber dafür entstehen an anderer Stelle in den verschiedensten Genres unglaublich viele neue, spannende, ambitionierte Ensembles, was uns optimistisch in die Zukunft blicken lässt.»