Trier und Trier-Saarburg
Es wird schon fleißig geprobt. Die Trierer Musikerin Julia Reidenbach übt mit ihrem Chor über Brücken für ein ganz besonderes Datum, denn im September werden sie zusammen mit Rolf Zuckowski in Trier auf der Bühne stehen.
 
Mit großen Schritten stakst Julia Reidenbach durch die kleine, separate Sporthalle der Arena Trier. Wo sonst Vereine oder auch die professionellen Basketballer Triers schwitzen und trainieren, klebt die 35-Jährige den hellbraunen Boden mit weißem Klebeband ab, schiebt blaue Turnmatten zusammen, stellt reihenweise Stühle auf. Währenddessen üben zwei Blasmusiker aus dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier immer wieder dieselben Tonfolgen.

Reidenbach zählt ihre Riesenschritte laut mit, jetzt darf sie sich auf keinen Fall irren. Sie steckt die Größe der Bühnenfläche in der Arena-Halle ab, auf der am Sonntag, 24. September, 140 Kinder und Jugendliche, 40 Erwachsene, Musiker mit Instrumenten, zwei Künstler, die ein Rahmenprogramm gestalten und ein Ehrengast Platz finden sollen: Rolf Zuckowski.

Heute, am ersten Samstag im neuen Schuljahr ist die erste Probe, in der alles zusammenkommt. Die Kinder, die Musiker, die Techiker, ab jetzt muss zusammengeführt werden, was man sonst nur einzeln geprobt hat. Vier Wochen haben sie noch. "Und so langsam setzen die Schlafstörungen ein", scherzt Reidenbach. Sie hatte lange für sich gearbeitet, geplant und geprobt, aber "jetzt wird alles so konkret." Es sei schon eine große Nummer, so ein gemeinsamer Auftritt mit dem Rolf Zuckowski.

Der bekannte Kinderliedermacher macht eigentlich keine großen Konzertreisen mehr, er lässt sich lieber einladen, um mit anderen zu singen; im kleinen Rahmen entspannt etwas aus seinem breiten Repertoire vortragen und dabei Land und Leute kennenlernen.

Aber zu seinem 70. Geburtstag, da würde er es gerne noch einmal so richtig krachen lassen. Also tourt er durch ganz Deutschland und gibt Geburtstags-Konzerte. Aber was wären solche Geburtstage ohne viele Gäste?

In Trier tritt er im Rahmen des Mosel Musikfestivals gemeinsam mit dem Chor über Brücken auf, einem Kinder- und Jugendchor, der sich aus Schülern der Kurfürst Balduin Realschule plus in Trier-West und der Egbert-Grundschule in Trier zusammensetzt. Hinzu kommen der Eltern-Lehrer-Chor und noch einige Mitglieder des Jugendchores. 180 Leute, altersmäßig reicht die Spanne von 3 bis 70 Jahren.

Als nach und nach der Chor eintrudelt wird klar, was diese Zahlen bedeuten. Kleine Kinder, die von ihren Eltern gebracht werden und sich entweder direkt zu ihren Freunden absetzen oder an Papas Seite kleben, sich von elterlichen Armen umschirmen lassen. Jugendliche, die sich erst mal über "wichtigere" Themen austauschen müssen als Stühle zu schleppen. Cliquen, die aus dem Aufbauen einen spaßigen Wettbewerb machen, Eltern und Lehrer, die Tische umstellen, um draußen ein Snack-Bufett einzurichten. Musiker, die Schlagzeuge aufbauen, Gitarren stimmen, Boxen verkabeln und Tonleitern immer und immer wieder üben.

Und zwischendrin rennt Reidenbach, manchmal, schnell aus den Schlappen geschlüpft, barfuß, organisiert, redet, beantwortet Fragen, dirigiert wie die Stuhlreihen aufgestellt werden sollen.

"Das ist vor allen Dingen auch eine organisatorische Arbeit," sagt sie und meint damit nicht nur das Aufbauen. Zum Beispiel auch so etwas wie Busverbindungen raussuchen oder Fahrgemeinschaften organisieren. Manche der Kinder würden eben nicht von ihren Eltern gebracht, sondern müssten selber schauen, wie sie zurecht kommen.

Nicht nur wenn es um Proben in der Arena geht. Julia Reidenbach singt nicht nur mit dem Chor, ihre Arbeit ist auch eine pädagogische. Manche Kinder hätten eben keine Vorbilder zu Hause, dafür vielleicht Probleme, bekämen nur wenige Werte vermittelt, hätten deswegen oft Schwierigkeiten, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Ein Mädchen, so erzählt Reidenbach, wollte heute nicht kommen, weil sie einen Friseurtermin hätte. Es bedurfte einigen guten Zuredens, um der Jugendlichen klar zu machen, dass ein Friseurtermin immer möglich sei und eine Konzertprobe eben wichtiger ist. "Das sind manchmal schon Kämpfe, die wir hier ausfechten", gibt Reidenbach zu.

Auch wenn die Kinder an ihre eigenen Grenzen stoßen: "Proben sind manchmal anstrengend", weiß Reidenbach, "hier lernen viele der Kinder auch mal über diesen Punkt der Anstrengung hinauszugehen und nicht vorher aufzuhören. Eben ein Ziel im Auge zu behalten und sich selbst immer wieder zu motivieren." Ein unglaublich wichtiger Faktor für das ganze Leben: "Den Kindern und Jugendlichen wird heute unglaublich viel abverlangt." Immer bessere Leistung, teils volle Terminkalender, die an eine Manager-To-do-Liste erinnern. Fürs Kind-Sein und sich Entwickeln bleibt da immer weniger Zeit. "Uns ist es wichtig, im Chor auch mal Tempo rauszunehmen, einfach einen Rahmen in der Woche zu schaffen, in dem die Kinder mal innehalten und sich auch austauschen können." Vor ein paar Wochen kam eines der kleineren Mitglieder in die Probe, er war deprimiert, die Eltern wollten sich trennen. Sofort kamen einige der Großen hinzu, gaben ein paar Tipps, spendeten Trost, erzählten von ihren Erfahrungen mit elterlichen Trennungen.

Es stehe eben 50:50, 50 Prozent Singen und 50 Prozent Gemeinschaft. Eine Kombination, die den Kindern besonders gut tue. Irgendwann musste Reidenbach dann doch unterbrechen, wenigstens ein paar Lieder sollte man schon noch proben. Auch wenn gerade die Jugendlichen vielleicht lieber Hits von Rihanna oder Justin Bieber zum Besten geben würden als Kinderlieder einzuüben. Griseldis Lichdi ist professionelle Musikerin im Philharmonischen Orchester der Stadt Trier, sie spielt nicht nur dort, sondern auch beim Konzert mit Zuckowski die Trompete.

Außerdem ist die 37-Jährige die Vorsitzende des Vereins, der hinter dem Chor steht. Sie hatte vor ein paar Jahren per Zufall das Weihnachtskonzert des Chores besucht und etwas gespürt, was sie gleich faszinierte: die Unmittelbarkeit des Singens. Als Kind habe jeder Musiker den Moment gehabt, in dem er einfach total begeistert war von der Musik, erzählt sie. Dieses Gefühl habe sie auch beim Konzert des Chores gehabt. Im Anschluss beglückwünschte sie Reidenbach zur tollen Arbeit, wenige Monate später wurde sie zur Vereinsvorsitzenden. Reidenbach habe sie einfach angerufen und gefragt.

Die Stühle sind aufgestellt, der letzte Schluck Kaffee schnell getrunken, Julia Reidenbach dirigiert die noch ganz Kleinen in die vorderste Reihe, damit auch jeder zu sehen ist und die Stimmen gut harmonieren. Die Reihenfolge ist fest und wird noch mit allen geübt werden. Gleich beginnt der erste Durchlauf. Die Kinder, die eben noch auf den Matten gelegen, mit Einrädern herumgeradelt sind oder zusammen geblödelt und geredet haben, sitzen nun aufmerksam nebeneinander. Viele haben ihr Vereins-T-Shirt angezogen.

Alle Augen sind auf Reidenbach gerichtet, die wieder aus ihren Sandalen schlüpft, auf einem Hocker Platz nimmt und ihre Gitarre auf das Knie bettet. Alles ist still, Reidenbach zählt an, und die Probe beginnt. Es soll ja alles sitzen, für das berühmte Geburtstagskind.
Singen für den guten Zweck
Der Erlös des Konzertes mit Rolf Zuckowski am Sonntag, 24. September, geht unter anderem an die Dieter-Lintz-Stiftung, an den Chor über Brücken und an die Rolf Zuckowski-Stiftung "Kinder brauchen Musik".